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WOCHENBLATT Herne-Wanne-Eickel Sonntag. 03.Mai 2009
Wenn der Kleine schreit, wird die Nacht zu Tage
KöniginLuisenSchülerinnen testen ihre Fähigkeiten als Mütter mit Babypuppen
Welche Eltern kennen das nicht: Man liegt gerade im Bett, schon verlangt der frisch geborene Nachwuchs nach Aufmerksamkeit. Das kann schon an die Substanz gehen, denn Kinder machen nicht nur Freude, sondern auch ordentlich Arbeit. Diese Erfahrung durchlebten nun auch zehn Schülerinnen der KöniginLuisenSchule.
Das letzte Mädchen kommt mit leichter Verspätung in die Klasse. Sie geht zu ihrem Platz und stellt das Babykörbchen ab. Neben ihr sind acht noch weitere Schülerinnen da, die allesamt ein Baby auf dem Arm halten.
Aber keine Angst, es handelt sich nicht um ein Treffen der unfreiwilligen Jungmütter an der Schule, sondern um die Zusammenkunft der Teilnehmerinnen des "Projekt: Baby". Betreut werden die jungen Damen von Egon Heinze und Kathrin Schinski vom Verein Welle. "Die Teilnehmer sollen lernen, wie es ist, für ein Kind Verantwortung zu übernehmen", erklärt Heinze. Dabei sind Jugendliche ab 14 Jahren angesprochen. Dafür dürfen die Teilnehmerinnen für zwei Tage und Nächte Mama spielen. Natürlich werden keine echten Kinder als Versuchsobjekte verwendet, sondern spezielle Säuglingspuppen. Diese sind computergesteuert und simulieren die Grundbedürfnisse eines kleinen Erdenbewohners.
Drei Stufen
"Es gibt drei Einstellungen", erklärt Heinze. "Wir haben hier die mittlere gewählt, bei der sich das Baby durchschnittlich einmal pro Stunde meldet". Dann müssen die Mädchen es entweder wickeln oder füttern, es will Bäuerchen machen oder einfach getragen werden.
Das Dumme daran ist nur, dass sich der liebe Kleine nicht einfach nach immer 60 Minuten meldet, sondern, nach dem Zufallssystem programmiert, ab und zu gar nicht und dafür dann später mehrmals kurz hintereinander. Nachdem sich das Baby meldet, haben die Teilnehmerinnen zwei Minuten, um zu reagieren.
"Ich musste heute Nacht acht Mal aufstehen", klagt Jeannine genervt. Besser ging es Kathrin, deren Kleiner sie durchschlafen ließ. Angesichts einer Erkältung kann man dem Nachwuchs da nur ein großes Kompliment ob seiner Disziplin und Rücksichtnahme aussprechen.
"Einige besonders Motivierte wollen auch manchmal die höchste Stufe ausprobieren. Da ist das Kind dann kränklich, überempfindlich oder zahnt", erzählt Heinze. "Nach so einer Nacht haben die meisten dann erst einmal genug", plaudert er lächelnd aus dem Nähkästchen.
"Was uns sehr wichtig ist, ist die richtige Stützhaltung", so Heinze. Ein Sensor im Nacken zeichnet auf, ob die Puppen richtig gehalten wurden, alle Fehler bei dieser oder einer der anderen Tätigkeiten werden auf einem Computerchip registriert und bei der Auswertung in der Schule aufgedeckt.
Die Erfahrungen der Mädchen sind nach ihrem ersten vielfältig. „Mir macht es großen Spaß, ich wollte wissen, wie es ist ein eigenes Kind zu haben“, meinte Monique, auch wenn sie die ganze Nacht klein Auge zugetan hat. Auffällig sei, auf jeden Fall, dass „alle Leute gucken, manche sprechen einen auch an, einige finden es dann gut, während andere nicht verstehen können, warum ich mir das antue", erzählt sie.
Auf der Mauer
" Es war lustig, wie einen alle Leute gemustert haben", meint Jeannine. Denn sie musste auf dem Nachhauseweg die Windel wechseln und erledigte das auf einer Mauer. Da fuhren selbst die Autofahrer langsamer. Auch mit der Eifersucht musste die eine oder andere kämpfen. "Meine Katze hat der Puppe mit der Tatze auf den Kopf gehauen", berichtet Tabitha. Auch die Hunde einiger anderer Mädchen zeigten sich von dem unerwarteten Familienzuwachs eher weniger begeistert. Und was sagen die Eltern? "Meine Mutter wollte das Baby gar nicht mehr rausrücken", meint Kathrin und Monique ergänzt: "Meine hat sogar mit der Puppe gesprochen!" Ob ein echtes Baby auch solche Begeisterung hervorgerufen hätte?
Zurückhaltung
Die Väter zeigten sich dagegen eher etwas zurückhaltender, was auch bei den Projektteilnehmern auffällt. hier glänzen die Herren der Schöpfung durch Abwesenheit. Dabei richtet sich das Angebot genau so an sie. Monique dagegen ist sich sicher: "Ich will auf jeden Fall später Kinder haben!" und auch ihre Mitschülerinnen sind dieser Meinung. Es muss ja noch nicht jetzt sein.
dima
Der Verein Welle sucht immer Kinderkleidung in der kleinsten Größe und holt diese gegebenenfalls auch ab. Infos dazu und auch zum Projekt an sich gibt
es bei Kathrin Schinski unter 02104/808328.
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