Aktualisiert am

17. 11. 2009

Feueralarm

Das Theater Kohlenpott mit dem Stück “Erste Stunde”    am 14.01.2008 zu Gast in unserer Schule im Jahrgang 8 und 9

Das "Theater Kohlenpott" trägt ein heikles Thema in die Schulen

Mobbing in der "Ersten Stunde"

Von Nina Giaramita

Es geht um Mobbing und um Außenseitertum an Schulen. Mit dem Stück "Erste Stunde" geht das "Theater Kohlenpott" in Klassenzimmer und versucht, zu provozieren. Das gelingt nicht immer. Trotzdem fördert die Aufführung einige Wahrheiten zutage.

 

"Erste Stunde" für Außenseiter Jürgen

Langsam schiebt er sich durch den Türrahmen, die hängenden Schultern unter einem unförmigen Parka verborgen, die Hände nesteln nervös an dem vorgehaltenen Rucksack. Er steht da, und 28 Augenpaare schauen ihn an, halb belustigt, halb gelangweilt. "Okay, bringen wir es hinter uns", sagt er. "Ich gebe euch fünf Minuten, in denen könnt ihr mit mir machen,was ihr wollt." Ungläubiges Kichern. "Ihr könnt mich beschimpfen und beleidigen, ihr könnt Arschloch oder Wichser zu mir sagen, ihr könnt mir Kaugummi in die Haare kleben, ihr könnt mich auch verkloppen." Die Reaktion: Wieder nur Grölen. Dann aber tönt es aus der hinteren Reihe: "Geil!"

Feixen und Kichern

"Erste Stunde" heißt das Stück, mit dem das "Theater Kohlenpott" in die Klassenzimmer geht. Heute wird die 8C des Otto-Hahn-Gymnasiums in Herne besucht. Die Bühne: Der schmale Bereich zwischen der Tafel und dem Lehrerpult. Die Zuschauerränge: Die aufgereihten Sitzbänke. Es ist inzwischen schon die dritte "Klassenzimmerproduktion" des Ruhrgebietstheaters. "Wenn die nicht zu uns kommen, dann müssen wir zu ihnen kommen", sagt Gabriele Kloke. Sie ist Dramaturgin des Stücks und jedes Mal dabei. Während ihr Schauspielkollege vor der Klasse den Außenseiter Jürgen mimt, sitzt sie im Hintergrund und beobachtet die Schüler.

Wenn sich der Prügelknabe selbst meldet

"Die reagieren jedes Mal anders", erzählt Kloke. Heute fallen die Reaktionen vergleichsweise harmlos aus. Die Jungs feixen, die Mädchen kichern. Ein paar fangen an, Jürgen und seine unbeholfene Art nachzuäffen. Als der irgendwann den Spieß umdreht und fragt, wer denn sonst in der Klasse das Opfer sei, fliegen ein paar Namen durch die Luft. Das sei aber nicht so ernst gemeint, wird nachgeschoben. "In einer anderen Klasse wurden Opfer und Täter ganz eindeutig benannt", sagt Gabriele Kloke. "Da hat sich der Außenseiter sogar selbst gemeldet und gesagt, er sei der Prügelknabe der Klasse."

"Jeden kann es treffen"

Reaktionen dieser Art will das Ensemble provozieren. "Da muss was passieren", sagt der Autor des Stücks, Jörg Menke-Peitzmeyer. Auf keinen Fall will er, dass die Aufführung "über die Köpfe der Schüler hinwegrauscht." Dafür ist das Thema zu ernst. Als das Theater mit dem Stück noch am Proben war, wurde bekannt, dass zwei Jungen an einem Kölner Gymnasium Amoklauf-Pläne geschmiedet hatten. "Außenseiter" seien sie gewesen, gab eine Mitschülerin später zu Protokoll. Der Jürgen aus der "Ersten Stunde", auch er ein Außenseiter. Stückeschreiber Menke-Peitzmeyer meint, dass "jeder zu einem werden könnte". Das sei die Botschaft des Stücks.

Keine Patentlösungen

 

Dramaturgin und Schauspieler stellen sich den Fragen

Simone und Katja (Namen geändert) sind anderer Meinung. Es seien immer die selben, die es treffen würde, erzählen die beiden Schülerinnen später, nachdem Jürgen alias Nils Beckmann von der "Bühne" abgetreten ist. Ja, auch bei ihnen gebe es so was wie Mobbing. Kleine Trietzereien seien es eher, aber einige hätten schon ziemlich darunter zu leiden. Was man dagegen tun könnte ? Schulterzucken. Eine richtige Antwort wissen sie nicht darauf.

"Schwäche provoziert halt", sagt nachher Lehrerin Ursula Meiß. Das sei "ja bei Lehrern auch nicht anders". Auch Egon Steinkamp, Direktor des Gymnasiums, gibt zu, dass es keine Patentlösungen gibt. "Streitschlichter, Beratungslehrer, psychologische Ansprechpartner, manchmal hilft das alles nicht", sagt er. Dabei sei sein Gymnasium ja eine "super Schule", mit "bürgerlichen Kindern". Offensichtlich hätte es einer wie Jürgen aber auch hier nicht ganz leicht.